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Keynotevorträge

Freitag, 26. November 2021, 11:30 – 12:30

Prof. Dr. Lisa Rosen (Universität Koblenz-Landau):

Von Differenzierungsstrategien zur kritischen Analyse von Differenzstrukturen und -praktiken in Bildungsorganisationen der Migrationsgesellschaft­

In Europa entwickeln nicht nur Schulen, sondern inzwischen auch Hochschulen vermehrt Leitbilder und Maßnahmen, die programmatisch Bezug auf Vielfalt, Inklusion und Bildungsgerechtigkeit nehmen (Claeys-Kulik, Jørgensen & Stöber 2019). Rekonstruktive Studien aus Deutschland zeigen, wie umkämpft die Auseinandersetzungen und praktischen Umsetzungen von Diversity-Strategien in der Hochschule sind (Zimmermann & Dietrich 2020) und machen auf divergente, zum Teil widersprüchliche Logiken im Zusammenhang mit humankapitalistischen vs. menschenrechtlich ausgerichteten Ansätzen aufmerksam (Lisa M. Rosen 2020).

Daran anknüpfend wird im Vortrag auf eine Strategie von „Diversity Management“ (kritisch etwa Frieß, Mucha & Rastetter 2020) fokussiert, die darin besteht, den Anteil bislang jeweils unterrepräsentierter Personen zu steigern um die Tradition von Universitäten als weiße, männlich dominierte und mittelschichtsorientierte Bildungsorganisationen abzulösen. Anhand des Fallbeispiels einer migrationsbedingt mehrsprachigen Gastvortragenden wird die Praxis einer solchen Gleichstellungsmaßnahme beleuchtet (zu Praxisbeispielen mit Blick auf unterrepräsentierte Studierende siehe Lotze & Wehking 2021) und durch die linguizismuskritischen Analyse (Springsits 2015) eines Gedächtnisprotokolls aufgezeigt, wie Sprachhierarchien interaktiv (re)produziert werden (Fißmer, Rosen & tom Dieck im Druck). Diese führen nicht nur zur Abwertung translingualer Sprachpraktiken, sondern auch zur Infragestellung der Professionalität der Gastvortragenden. In der Diskussion wird zum Einen eine Parallele zur Schule und der bildungspolitischen Instrumentalisierung von Lehrkräften mit sogenanntem Migrationshintergrund gezogen (Rosen & Jacob im Druck). Zum anderen wird im Lichte internationaler Forschung problematisiert, dass Forderungen nach bzw. Maßnahmen von „Decolonising the University“ (Bhambra, Gebrial & Nişancıoğlu 2018) paradoxerweise das institutionalisierte Weißsein weiter verankern können (Doharty, Madriaga & Joseph-Salisbur 2021).

­Literatur


 

Freitag, 26. November 2021, 17:30 – 18:30

Prof. Dr. Niclas Schaper (Universität Paderborn) und Prof. Dr. Timo Leuders (Pädagogische Hochschule Freiburg):

Differenzierungsstrategien in Schule und Hochschule

Der Keynotevortrag befasst sich mit Differenzierungsstrategien in der Hochschullehre. Der Stand der Entwicklung und Forschung zu diesem Anwendungsfeld ist im Vergleich zum Stand der schulbezogenen Unterrichtsforschung noch relativ wenig entwickelt. Der Fokus der Maßnahmen und Konzepte liegt stärker auf extracurricularen Angeboten, wie z.B. dem Angebot von Vorkursen oder der Einrichtung von Lernzentren, weniger auf Ansätzen zur Differenzierung unterschiedlicher Ausgangslagen der Lernenden im Hochschulunterricht. Ausnahmen stellen Ansätze wie Just in Time Teaching, Peer Instruction oder auch Flipped Classroom dar, in denen Differenzierungsstrategien zwar nicht explizit berücksichtigt, aber Ansatzmöglichkeiten für eine individuelle Förderung mit einbezogen werden. 

Im Vortrag sollen grundlegende Konzepte und Ansätze zur Berücksichtigung unterschiedlicher Ausgangslagen von Studierenden im Hochschulbereich in Abgrenzung zum schulischen Bildungskontext vorgestellt werden. Weiterhin soll ein Überblick zu Maßnahmen für eine individuelle(re) Förderung im Hochschulkontext gegeben werden. Dabei wird insbesondere auf Maßnahmen wie die individuelle Beratung von Studierenden zu Lernaufgaben in Lernzentren oder Möglichkeiten zur Individualisierung des Lernens in Flipped Classroom Ansätzen oder dem Just invTime Teaching und dem hierzu vorhandenen Forschungsstand eingegangen. Schließlich soll auch ein Einblick in den Stand der Entwicklung zur „differentiated instruction“ (Tomlinson, 2005) im internationalen Kontext eingegangen werden. Vor diesem Hintergrund werden abschließend Ansatzpunkte und Ebenen zur Verbesserung einer stärker differenzierenden und individuelle Lernbedarfe berücksichtigenden Hochschullehre skizziert.