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Frakturen der Migrationsgesellschaft – Politiken, Praktiken, Professionen

Kaum ein Thema erhitzt in Deutschland momentan so die Gemüter wie das Thema Migration. Dabei wird die deutsche Gesellschaft von verschiedenen Bruchlinien durchzogen. Es finden sich diejenigen, die seit langem in transkulturellen Realitäten leben, im Gegensatz zu denjenigen, die das Thema (internationale) Migration aus ihrem Alltag ausblenden. Es gibt Kulturalist*innen und sich kosmopolitisch Verortende. Es gibt Personen, die internationale Zuwanderung als Bereicherung zelebrieren, und andere, die vor Überfremdung und Überlastung warnen. Und es gibt reale und gefühlte Globalisierungsverlierer*innen und -gewinner*innen.

Solche Bruchlinien ziehen sich durch verschiedene soziale Schichten und Milieus, durch Geschlechterbeziehungen, durch Stadt und Land, durch Ost und West, durch „migrantische“ und „nicht-migrantische“ Gruppen und sind auch meist relational: Sie changieren je nachdem, wer mit wem um welche Deutungshoheit verhandelt. Die Bruchlinien weisen somit aber auch darauf hin, dass das Thema Migration derzeit in Deutschland eine hohe Dynamik entfaltet, dass sich „Zwischenräume“ bilden und dass Schnittstellen zu Aushandlungen, Hybridisierungen und neuen Konvergenzen führen.

Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich die Tagung mit konkreten Ausprägungen der Brüche und Neufusionierungen der Migrationsgesellschaft, indem sowohl Institutionen der Bildung, der Kultur, der sozialen Fürsorge und des „Integrationsmanagements“ in den Blick genommen als auch alltägliche (Schaffens-)Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens betrachtet werden. Fokussiert werden hierbei Politiken, Praktiken sowie Professionen. Unter Politiken sind Maßnahmen und Handlungsstrategien zu verstehen, die das gesellschaftliche Miteinander in der Migrationsgesellschaft regulieren, z.B. Extremismus vorbeugen, aber auch (neue) Partizipationsmöglichkeiten für Migrant*innen entwickeln und mehrheits-gesellschaftliche Routinen wie institutionelle Diskriminierungen verändern – dies u.a. in Schulen, Kommunen, Behörden oder Migrationsorganisationen. Mit Praktiken sind alle Formen der Partizipation, sozialen Positionierungen und Identitätsaushandlungen gemeint. Professionen schließlich gehen auf die besondere Rolle von Mediator*innen in der Migrationsgesellschaft ein, z.B. als Lehrkräfte, Sozialpädagog*innen, Kulturschaffende oder Integrationsbeauftragte.

Vorangehend angedeutete Aspekte sollen entlang folgender vier Themenblöcke – Migration und Bildung, Migration und Sprache, Migration und Raum, Migration und Partizipation – diskutiert werden. Dafür sind Nachwuchswissenschaftler*innen (Doktorand*innen, Postdocs etc.) aus verschiedenen Disziplinen eingeladen, ihre Beiträge einzureichen.

 

1. Migration und Bildung

Hierunter fallen alle Beiträge, die Bildungsprozesse und Bildungsinstitutionen der Migrationsgesellschaft im Hinblick auf die oben genannten Schlüsselbegriffe befragen. Mögliche Fragen sind z.B.: Welchen Anrufungsformen für Subjekte werden durch bestehende Politiken und Praktiken in (außer-)schulischen Kontexten bereitgestellt? Inwiefern lassen sich diese als Bildungsprozesse beschreiben? Welche Aufgaben kommen den Fach- und Lehrkräften in den verschiedenen Bildungseinrichtungen – vom Elementarbereich über Schule, Hochschule, berufliche und außerschulische Bildung bis hin zur Erwachsenenbildung – zu? Welche Dynamiken ergeben sich aus der wachsenden sozio-kulturellen, sprachlichen und religiösen Vielfalt für die Lehramtsausbildung und wie sehen angemessene Formate der Beteiligung und Förderung für geflüchtete Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus? Wie entwickeln sich natio-ethno-kulturelle Zugehörigkeiten und welche Konsequenzen ergeben sich hieraus für Bildungsinstitutionen? Verändern sich die Institutionen durch Migrations- und Fluchtbewegungen, und welche historischen Tradierungen bleiben virulent?

 

2. Migration und Sprache

Sprache im Kontext der Migrationsgesellschaft stellt ein vielschichtiges Phänomen dar, das neben Fragen der Mehrsprachigkeit Aspekte des Spracherwerbs, der Sprachvermittlung, des Sprachgebrauchs und des Sprachdiskurses miteinschließt und sie – mit Blick auf Geschichte und Gegenwart – sowohl aus individueller als auch aus institutioneller Perspektive zur Diskussion stellt. Wie wirkt sich Sprachkontakt auf Lernende und die Entwicklung sprachlicher Systeme aus? Welche Faktoren begünstigen den Erwerbsprozess im mehrsprachigen Kontext? Welche Auswirkung hat der sensible Umgang mit Sprache(n) auf die Entwicklung von Fachkonzepten? Welche Machtasymmetrien kennzeichnen das Verhältnis verschiedener Sprachen der Migrationsgesellschaft und welche individuellen und institutionellen Auswirkungen gehen daraus hervor? Wie verändern sich Sprachen im Kontext der Migrationsgesellschaft? Wie verändert die historische Perspektive den Blick auf Mehrsprachigkeit heute?

 

3. Migration und Raum

Hierunter fallen alle Perspektiven, die Räume der Migrationsgesellschaft kritisch beleuchten. Wie entwickeln sich städtische und ländliche Räume? Welche Auswirkungen haben transnationale Lebenspraxen auf Institutionen in der Migrationsgesellschaft? Wie werden Grenzen innerhalb und am Rande der Migrationsgesellschaft neu justiert? Welche Wirkmacht haben diskursive Räume z.B. des Orients, Afrikas oder des Westens in den beschriebenen Bruchlinien der Migrationsgesellschaft? Und welche Neuverortungen entstehen in Identitätsaushandlungen? Wie können No-go-Areas und Angsträume untersucht werden und welche sozialen Machtverhältnisse und Imaginationen liegen ihnen zugrunde?

 

4. Migration und Partizipation

Der Themenblock behandelt Fragen der Beteiligung am politischen und sozialen Leben. Wie kann die Integration in den Arbeits- und Wohnungsmarkt gelingen? Wie kann die Teilhabe am öffentlichen Leben gestaltet werden und welche Antworten stellt die Politik bereit? Welche Rolle kommt dabei Vereinen, Professionen und ehrenamtlichen Tätigkeiten im Spannungsfeld von Unterstützung und Paternalismus zu? Wie kann „interkulturelle Öffnung“ z.B. in Gesundheitseinrichtungen und Kulturinstitutionen vorangetrieben werden? Welche Segregationsmechanismen lassen sich auf kommunaler Ebene feststellen und (wie) wird ihnen entgegengewirkt? Welche Diskurse liegen Konflikten und Debatten im Zusammenhang mit Integrationspolitiken zugrunde und inwiefern manifestieren sie sich auch in Affekten?

Den Call for Papers zum 5. Zukunftsforum Bildungsforschung können Sie hier herunterladen.

Promovierende, Post-Docs und Wissenschaftler*innen verschiedener Disziplinen sind eingeladen, ihre Beiträge zur Tagung bis 10. Juli 2018 einzureichen.